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UpstreamKardiologie

Der Vorhof als Organ

Wie sich ein Vorhof entzündet, ohne dass man es spürt

4 Minuten Lesezeit · mit Quellen

Bei Entzündung denkt man an Rötung, Fieber und Schmerz. Die Entzündung, die einen Vorhof umbaut, hat nichts davon. Sie spielt sich in den Zellen selbst ab.

Auf einen Blick

  • Die Herzmuskelzellen des Vorhofs besitzen ein eigenes Alarmsystem, das NLRP3-Inflammasom. Bei Menschen mit Vorhofflimmern ist es in diesen Zellen aktiver.1
  • Im Tiermodell genügt es, dieses System anzuschalten, um Vorhofflimmern auszulösen, und es abzuschalten, um es zu verhindern.1 Daraus ist eine einheitliche Erklärung geworden, wie sehr verschiedene Treiber am selben Punkt zusammenlaufen.2
  • Ein erhöhtes CRP im Blut geht mit etwas mehr Vorhofflimmern einher.3 Ein normales CRP schließt eine Entzündung im Vorhof aber nicht aus.
  • Entzündungshemmende Medikamente haben in Studien kein einheitliches Bild ergeben.456 Der Hebel liegt bei dem, was die Entzündung anschaltet.

Ein Alarmsystem in der Zelle

Jede Zelle des Körpers muss erkennen, wenn etwas nicht stimmt. Dafür gibt es Sensoren, und einer der wichtigsten heißt NLRP3. Er liegt im Inneren der Zelle bereit. Wenn er Gefahrensignale wahrnimmt, lagern sich mehrere Eiweiße zu einem Ring zusammen, dem Inflammasom. Dieser Ring schaltet ein Enzym an, das zwei kräftige Entzündungsbotenstoffe freisetzt: Interleukin-1-beta und Interleukin-18.

Lange galt das als Aufgabe von Abwehrzellen. Eine Arbeit aus Houston zeigte 2018, dass auch die Muskelzellen des Vorhofs selbst dieses System tragen, und dass es bei Menschen mit anfallsweisem wie mit dauerhaftem Vorhofflimmern in diesen Zellen aktiver ist.

Im Mausmodell gingen die Forscher einen Schritt weiter: Mäuse, bei denen NLRP3 in den Herzmuskelzellen dauerhaft angeschaltet war, entwickelten Vorhofflimmern. Wurde das System blockiert, medikamentös oder genetisch, blieb es aus.1

Was der Alarm im Vorhof anrichtet

Ein Inflammasom, das ständig sendet, verändert den Vorhof auf mehreren Ebenen. Die Zelle geht anders mit Kalzium um und gibt es zur falschen Zeit frei, was Extraschläge begünstigt. Die Ionenkanäle verändern sich so, dass sich die Zelle schneller wieder erregen lässt. Und Bindegewebszellen werden angeregt, Narbengewebe zu bilden, das die Leitung bremst.2

Das Bemerkenswerte ist, was dieses System anschaltet. Eine Übersichtsarbeit führender Rhythmusforscher beschreibt es 2023 als möglichen gemeinsamen Nenner: Alter, Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck, Herzschwäche, die Belastung nach einer Herzoperation, sie alle können über diesen einen Signalweg wirken.2 Die Autoren nennen das eine vereinheitlichende Hypothese. Sie stützt sich stark auf Tierversuche, aber sie erklärt, warum so unterschiedliche Treiber im Vorhof zu demselben Ergebnis führen.

Ein Teil der Signale kommt dabei von außen, aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Das Fett, das ohne trennende Schicht auf dem Vorhof liegt, gibt Botenstoffe ab, die Vorhofgewebe im Labor vernarben lassen.7 Deshalb kann ein Vorhof örtlich unter Alarm stehen, während der Rest des Körpers ruhig wirkt.

Was das Blut davon verrät

Der bekannteste Entzündungswert ist das C-reaktive Protein, kurz CRP, in der empfindlichen Messung hsCRP. In der Cardiovascular Health Study wurden knapp 5.800 ältere Menschen etwa sieben Jahre begleitet. Wer im obersten Viertel der CRP-Werte lag, bekam um etwa 30 Prozent häufiger Vorhofflimmern als im untersten.3

Der Zusammenhang ist echt, aber mäßig, und das CRP misst die Entzündung des ganzen Körpers, nicht die des Vorhofs. Ein erhöhter Wert ist ein Anlass, nach der Quelle zu suchen. Ein normaler Wert ist kein Beweis, dass im Vorhof alles ruhig ist.

Warum eine Entzündungstablette nicht die Antwort ist

Wenn Entzündung ein Motor des Vorhofflimmerns ist, liegt der Gedanke nahe, sie direkt zu hemmen. Das am besten untersuchte Mittel ist Colchicin, ein altes Medikament gegen Gicht, das unter anderem das Inflammasom bremst. Die Ergebnisse:

  • Nach Herzoperationen senkte Colchicin in einer ersten Studie das Vorhofflimmern von 22 auf 12 Prozent.4 Eine zweite, größere Studie desselben Teams fand keinen gesicherten Unterschied, dafür mehr Nebenwirkungen.8 In einer großen Studie bei Operationen am Brustkorb außerhalb des Herzens mit über 3.200 Patienten war das Ergebnis neutral, Durchfall trat dreimal so häufig auf.5
  • Nach einer Ablation halbierte Colchicin in Studien einer griechischen Arbeitsgruppe die frühen Rückfälle.9 Eine neuere Studie fand nach drei Monaten keinen Unterschied, 14 gegenüber 15 Prozent.6

Colchicin ist damit keine etablierte Behandlung des Vorhofflimmerns, und weitere Studien laufen. Für uns folgt daraus etwas Grundsätzliches: Das Inflammasom erklärt, warum die Treiber wirken. Behandelt werden sollten deshalb die Treiber selbst, nicht der Alarm, den sie auslösen.

Was wir daraus machen

  • Wir suchen die Quelle. Erhöhte Entzündungswerte sind kein Befund für sich. Häufige Quellen, die wir unter Stille Entzündung und der Vorhof ausführlich beschreiben, sind das Fett am Herzen und im Bauchraum, ein entgleister Zuckerstoffwechsel, eine unbehandelte Schlafapnoe, Zahnfleischentzündungen, der Darm.
  • Wir messen gezielt. hsCRP gehört zu unserer Basis, gelesen zusammen mit Stoffwechsel, Blutdruck und Schlaf. Ein normales CRP beendet die Suche nicht, wenn das Bild anderes nahelegt.
  • Wir behandeln den Treiber, nicht den Wert. Gewichtsabnahme, Bewegung, Schlaf und Blutzucker senken die Entzündungslast, und für einige von ihnen ist die Wirkung auf das Vorhofflimmern direkt belegt.
  • Keine Entzündungshemmung auf Verdacht. Weder Colchicin noch hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel ersetzen die Behandlung der Ursache, und für keines ist ein Nutzen beim Vorhofflimmern gesichert.

Wie belastbar ist das?

Begründetplausibler Mechanismus und Daten am Menschen

Das NLRP3-Inflammasom ist in Vorhofzellen von Menschen mit Vorhofflimmern aktiver, im Tiermodell löst es Vorhofflimmern aus, und ein erhöhtes CRP geht mit mehr Vorhofflimmern einher.123

OffenMechanismus und Grundlagen, beim Rhythmus noch kaum Studien

Ob entzündungshemmende Medikamente Vorhofflimmern verhindern. Die Studien widersprechen sich, die neueren sind überwiegend neutral.856

Quellen

  1. Yao C, Veleva T, Scott L Jr, et al. Enhanced Cardiomyocyte NLRP3 Inflammasome Signaling Promotes Atrial Fibrillation. Circulation. 2018;138(20):2227-2242. doi:10.1161/CIRCULATIONAHA.118.035202 ↑ ↑ ↑ ↑

  2. Dobrev D, Heijman J, Hiram R, et al. Inflammatory signalling in atrial cardiomyocytes: a novel unifying principle in atrial fibrillation pathophysiology. Nat Rev Cardiol. 2023;20(3):145-167. doi:10.1038/s41569-022-00759-w ↑ ↑ ↑ ↑

  3. Aviles RJ, Martin DO, Apperson-Hansen C, et al. Inflammation as a risk factor for atrial fibrillation. Circulation. 2003;108(24):3006-10. doi:10.1161/01.CIR.0000103131.70301.4F ↑ ↑ ↑

  4. Imazio M, Brucato A, Ferrazzi P, et al. Colchicine reduces postoperative atrial fibrillation: results of the Colchicine for the Prevention of the Postpericardiotomy Syndrome (COPPS) atrial fibrillation substudy. Circulation. 2011;124(21):2290-5. doi:10.1161/CIRCULATIONAHA.111.026153 ↑ ↑

  5. Conen D, Ke Wang M, Popova E, et al. Effect of colchicine on perioperative atrial fibrillation and myocardial injury after non-cardiac surgery in patients undergoing major thoracic surgery (COP-AF): an international randomised trial. Lancet. 2023;402(10413):1627-1635. doi:10.1016/S0140-6736(23)01689-6 ↑ ↑ ↑

  6. Benz AP, Amit G, Connolly SJ, et al. Colchicine to Prevent Atrial Fibrillation Recurrence After Catheter Ablation: A Randomized, Placebo-Controlled Trial. Circ Arrhythm Electrophysiol. 2024;17(1):e01238. doi:10.1161/CIRCEP.123.012387 ↑ ↑ ↑

  7. Venteclef N, Guglielmi V, Balse E, et al. Human epicardial adipose tissue induces fibrosis of the atrial myocardium through the secretion of adipo-fibrokines. Eur Heart J. 2015;36(13):795-805a. doi:10.1093/eurheartj/eht099 ↑

  8. Imazio M, Brucato A, Ferrazzi P, et al. Colchicine for prevention of postpericardiotomy syndrome and postoperative atrial fibrillation: the COPPS-2 randomized clinical trial. JAMA. 2014;312(10):1016-23. doi:10.1001/jama.2014.11026 ↑ ↑

  9. Deftereos S, Giannopoulos G, Kossyvakis C, et al. Colchicine for prevention of early atrial fibrillation recurrence after pulmonary vein isolation: a randomized controlled study. J Am Coll Cardiol. 2012;60(18):1790-6. doi:10.1016/j.jacc.2012.07.031 ↑

Verfasst und fachlich geprüft

Dr. med. Omar Anwar, Facharzt für Innere Medizin und Facharzt für Kardiologie, Tätigkeitsschwerpunkt invasive Elektrophysiologie. Zur Person

Veröffentlicht im Oktober 2026. Dieser Text ersetzt keine Untersuchung: Ob eine Messung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, entscheiden wir gemeinsam.

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