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UpstreamKardiologie

Der Grundgedanke

Upstream-Therapie: der Fachbegriff hinter unserem Namen

5 Minuten Lesezeit · mit Quellen

Upstream heißt stromaufwärts. In der Rhythmologie ist das kein Bild, sondern ein Fachbegriff, und er beschreibt ziemlich genau, wie wir arbeiten.

Auf einen Blick

  • Die meisten Behandlungen des Vorhofflimmerns setzen am Ende der Kette an, beim Anfall: Medikamente gegen die Rhythmusstörung, Kardioversion, Katheterablation. In der Fachsprache ist das die Behandlung „downstream”.
  • Upstream-Therapie setzt weiter vorn an, am Vorhof selbst und an dem, was ihn über Jahre umbaut.1
  • Die ersten Versuche mit Medikamenten wie ACE-Hemmern und Statinen waren enttäuschend.2 Überzeugend wurde der Gedanke erst, als man die Treiber selbst behandelte: Gewicht, Blutdruck, Alkohol, Bewegung.
  • Die europäische Leitlinie von 2024 stellt diese Behandlung an den Anfang und empfiehlt sie mit der höchsten Empfehlungsstufe.3
  • Für uns ist das kein Gegensatz zum Katheter. Beides gehört zusammen, in einer Hand.

Woher der Begriff kommt

Stellen Sie sich einen Fluss vor. Unten, an der Mündung, sieht man das Problem: den Anfall, den unregelmäßigen Puls, das Herzrasen. Dort setzt die klassische Behandlung an, und sie ist dort oft sehr wirksam. Aber was unten ankommt, entsteht weiter oben.

In der Rhythmologie hat sich für diese Unterscheidung ein Begriffspaar eingebürgert. Eine Übersichtsarbeit für die Europäische Gesellschaft für Kardiologie definierte 2011 Upstream-Therapie als den Einsatz von Mitteln, die nicht gegen die Rhythmusstörung selbst gerichtet sind, sondern den Vorhof als Gewebe verändern, um das Auftreten oder Wiederauftreten des Vorhofflimmerns zu verhindern.1 Gemeint waren damals vor allem Medikamente: ACE-Hemmer, Sartane, Statine, Omega-3-Fettsäuren.

Die ehrliche Bilanz dieser ersten Phase gehört dazu. Für die Vorbeugung von Rückfällen waren die Ergebnisse mit Medikamenten überwiegend negativ oder widersprüchlich.2 Der Gedanke war richtig, das Werkzeug war zu schmal.

Was der Vorhof mit der Zeit erlebt

Warum es sich trotzdem lohnt, stromaufwärts zu denken, zeigt ein Begriff, der seitdem an Gewicht gewonnen hat: die atriale Kardiomyopathie. Eine internationale Konsensusarbeit beschrieb 2016 darunter alle strukturellen, elektrischen und mechanischen Veränderungen des Vorhofs, die klinisch bedeutsam werden können.4 2024 wurde das Konzept um Stadien erweitert, die allerdings noch klinisch überprüft werden müssen.5

Für Betroffene übersetzt: Vorhofflimmern ist oft nicht der Anfang einer Erkrankung, sondern das Zeichen eines Vorhofs, der über Jahre gedehnt, entzündet, mit Fett belegt und vernarbt wurde.

Was ihn umbaut, ist gut bekannt: hoher Blutdruck, Übergewicht und das Fett direkt am Herzen, Alkohol, eine unbehandelte Schlafapnoe, ein entgleister Zuckerstoffwechsel, zu wenig oder sehr viel Ausdauerbelastung. Jeder dieser Treiber wirkt auf dasselbe Gewebe.

Was belegt ist

Die überzeugendsten Daten kommen aus Studien, in denen nicht ein Medikament, sondern die Treiber selbst behandelt wurden.

  • Gewicht, randomisiert. In der ersten kontrollierten Studie nahmen übergewichtige Menschen mit Vorhofflimmern im Mittel 14 Kilogramm ab, die Vergleichsgruppe knapp 4. Die Beschwerden durch das Vorhofflimmern sanken deutlich stärker, und im Ultraschall wurde der linke Vorhof kleiner.6
  • Gewicht, über Jahre. In einer großen Beobachtungsstudie hatten Menschen, die mindestens zehn Prozent ihres Gewichts verloren und gehalten hatten, eine sechsfach höhere Wahrscheinlichkeit, ohne Rhythmusstörung zu bleiben.7 In derselben Gruppe wechselte bei 88 Prozent ein anhaltendes Vorhofflimmern zurück in eine anfallsweise Form oder verschwand ganz aus den Messungen, bei geringer Gewichtsabnahme nur bei 26 Prozent.8 Beides sind Beobachtungen, keine randomisierten Vergleiche.
  • Nach der Ablation. 2014 zeigte eine Kohortenstudie, dass Menschen, die nach einer Ablation ihre Risikofaktoren behandeln ließen, deutlich seltener Rückfälle hatten.9 Die Teilnehmer hatten sich dafür allerdings selbst entschieden. 2025 folgte die randomisierte Prüfung: Nach zwölf Monaten waren 61 Prozent mit begleitender Behandlung der Risikofaktoren frei von Vorhofflimmern, ohne sie 40 Prozent.10
  • Gezielt, aber nicht für immer. In der RACE-3-Studie erhielten Menschen mit beginnendem anhaltendem Vorhofflimmern und Herzschwäche eine gezielte Behandlung der Begleiterkrankungen. Nach einem Jahr waren 75 gegenüber 63 Prozent im Sinusrhythmus.11 Nach fünf Jahren war der Vorteil nicht mehr nachweisbar.12 Upstream-Therapie wirkt, solange sie stattfindet.

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie hat daraus 2024 Konsequenzen gezogen. Ihr Behandlungsschema für Vorhofflimmern heißt AF-CARE, und das C steht am Anfang: Begleiterkrankungen und Risikofaktoren.

Die Behandlung des Blutdrucks, eine Gewichtsabnahme um mindestens zehn Prozent bei Übergewicht, ein auf die Person abgestimmtes Bewegungsprogramm und eine Begrenzung von Alkohol auf höchstens drei Gläser pro Woche tragen dort die höchste Empfehlungsstufe.3

Was wir daraus machen

Wir arbeiten auf zwei Ebenen, und zwar gleichzeitig. Die erste ist das Herz: der Rhythmus, die Frage nach Schlaganfallschutz, und wenn es angezeigt ist, die Katheterablation. Bei manchen Rhythmusstörungen ist der Mechanismus auch der Boden, dann reicht der Katheter. Beim Vorhofflimmern trifft er oft nur die Hälfte.

Die zweite Ebene ist der Vorhof und das, was ihn umbaut. Das heißt konkret:

  • Messen statt vermuten. Blutdruck über 24 Stunden, Schlaf und Atmung in der Nacht, Zuckerstoffwechsel, Schilddrüse, Entzündung, Elektrolyte und Mikronährstoffe. Was ein Treiber ist, entscheidet die Messung. Die Übersicht steht unter Die Treiber behandeln.
  • Nach Belegen ordnen. Zuerst das, was in kontrollierten Studien wirkt, dann das, was gut begründet ist. Jede Maßnahme trägt bei uns eine Stufe, damit Sie wissen, worauf sie beruht.
  • Dranbleiben. RACE 3 zeigt, dass der Nutzen nachlässt, wenn die Behandlung aufhört. Deshalb messen wir nach und passen an.

Funktionell denken heißt für uns, nach dem Warum zu fragen. Schulmedizinisch arbeiten heißt, die Antwort zu messen und an Studien zu prüfen. Upstream ist der Name für beides.

Wie belastbar ist das?

GesichertLeitlinie oder kontrollierte Studien

Die Behandlung von Blutdruck, Übergewicht, Alkohol und Bewegungsmangel gehört laut europäischer Leitlinie zur Behandlung des Vorhofflimmerns, mit höchster Empfehlungsstufe, gestützt auf randomisierte Studien.3610

Begründetplausibler Mechanismus und Daten am Menschen

Dass eine anhaltende Gewichtsabnahme das Fortschreiten umkehren kann, zeigen große Beobachtungsstudien mit einer klaren Dosis-Wirkungs-Beziehung.78

OffenMechanismus und Grundlagen, beim Rhythmus noch kaum Studien

Wie weit sich das Prinzip auf weitere Treiber übertragen lässt, etwa Entzündung oder Mikronährstoffe. Hier gibt es Mechanismen und Beobachtungen, aber kaum kontrollierte Studien zum Rhythmus.

Quellen

  1. Savelieva I, Kakouros N, Kourliouros A, et al. Upstream therapies for management of atrial fibrillation: review of clinical evidence and implications for European Society of Cardiology guidelines. Part I: primary prevention. Europace. 2011;13(3):308-28. doi:10.1093/europace/eur002 ↑ ↑

  2. Savelieva I, Kakouros N, Kourliouros A, et al. Upstream therapies for management of atrial fibrillation: review of clinical evidence and implications for European Society of Cardiology guidelines. Part II: secondary prevention. Europace. 2011;13(5):610-25. doi:10.1093/europace/eur023 ↑ ↑

  3. Van Gelder IC, Rienstra M, Bunting KV, et al. 2024 ESC Guidelines for the management of atrial fibrillation developed in collaboration with the European Association for Cardio-Thoracic Surgery (EACTS). Eur Heart J. 2024;45(36):3314-3414. doi:10.1093/eurheartj/ehae176 ↑ ↑ ↑

  4. Goette A, Kalman JM, Aguinaga L, et al. EHRA/HRS/APHRS/SOLAECE expert consensus on atrial cardiomyopathies: definition, characterization, and clinical implication. Europace. 2016;18(10):1455-1490. doi:10.1093/europace/euw161 ↑

  5. Goette A, Corradi D, Dobrev D, et al. Atrial cardiomyopathy revisited-evolution of a concept: a clinical consensus statement of the European Heart Rhythm Association (EHRA) of the ESC, the Heart Rhythm Society (HRS), the Asian Pacific Heart Rhythm Society (APHRS), and the Latin American Heart Rhythm Society (LAHRS). Europace. 2024;26(9). doi:10.1093/europace/euae204 ↑

  6. Abed HS, Wittert GA, Leong DP, et al. Effect of weight reduction and cardiometabolic risk factor management on symptom burden and severity in patients with atrial fibrillation: a randomized clinical trial. JAMA. 2013;310(19):2050-60. doi:10.1001/jama.2013.280521 ↑ ↑

  7. Pathak RK, Middeldorp ME, Meredith M, et al. Long-Term Effect of Goal-Directed Weight Management in an Atrial Fibrillation Cohort: A Long-Term Follow-Up Study (LEGACY). J Am Coll Cardiol. 2015;65(20):2159-69. doi:10.1016/j.jacc.2015.03.002 ↑ ↑

  8. Middeldorp ME, Pathak RK, Meredith M, et al. PREVEntion and regReSsive Effect of weight-loss and risk factor modification on Atrial Fibrillation: the REVERSE-AF study. Europace. 2018;20(12):1929-1935. doi:10.1093/europace/euy117 ↑ ↑

  9. Pathak RK, Middeldorp ME, Lau DH, et al. Aggressive risk factor reduction study for atrial fibrillation and implications for the outcome of ablation: the ARREST-AF cohort study. J Am Coll Cardiol. 2014;64(21):2222-31. doi:10.1016/j.jacc.2014.09.028 ↑

  10. Pathak RK, Elliott AD, Lau DH, et al. Aggressive Risk Factor Reduction Study for Atrial Fibrillation Implications for Ablation Outcomes: The ARREST-AF Randomized Clinical Trial. JAMA Cardiol. 2025;10(12):1295-1304. doi:10.1001/jamacardio.2025.4007 ↑ ↑

  11. Rienstra M, Hobbelt AH, Alings M, et al. Targeted therapy of underlying conditions improves sinus rhythm maintenance in patients with persistent atrial fibrillation: results of the RACE 3 trial. Eur Heart J. 2018;39(32):2987-2996. doi:10.1093/eurheartj/ehx739 ↑

  12. Nguyen BO, Crijns HJGM, Tijssen JGP, et al. Long-term outcome of targeted therapy of underlying conditions in patients with early persistent atrial fibrillation and heart failure: data of the RACE 3 trial. Europace. 2022;24(6):910-920. doi:10.1093/europace/euab270 ↑

Verfasst und fachlich geprüft

Dr. med. Omar Anwar, Facharzt für Innere Medizin und Facharzt für Kardiologie, Tätigkeitsschwerpunkt invasive Elektrophysiologie. Zur Person

Veröffentlicht im Oktober 2026. Dieser Text ersetzt keine Untersuchung: Ob eine Messung oder Behandlung für Sie sinnvoll ist, entscheiden wir gemeinsam.

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